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Rezension: Itras By: The Menagerie

Tinas Rezension des Zusatzbandes zum Rollenspiel Itras By

2178 Wörter, ungefähre Lesedauer 11 Min.

Inhalt

Titelbild für die Rezension von Itras By Menagerie, bestehend aus einem verschnörkelten gezeichneten Rahmen und wasserfarbakzenten plus einem Titelschriftzug in der Mitte

Worum geht’s?

Itras By: The Menagerie von Vagrant Workshop ist ein Erweiterungsband für Itras By, der 2017 in englischer Sprache erschien. Aber was ist überhaupt Itras By? Itras By ist ein surreales, freies Rollenspiel aus Norwegen, dessen deutsche Übersetzung vor wenigen Tagen auf Kickstarter erfolgreich finanziert wurde. Es spielt in der gleichnamigen fantastischen 20er-Jahre-Stadt Itras By und enthält eine umfangreiche Spielweltbeschreibung derselben.

Itras By liegt, ja, wer weiß - irgendwo im Nirgendwo, oder doch in Europa? – und hat allerlei leicht wunderliche Einwohner in mehreren skurrilen Stadtvierteln. Die Spieler ziehen Entscheidungskarten, wo in anderen Rollenspielen gewürfelt würde, und können durch sogenannte Zufallskarten noch weitere Absurditäten ins Spiel bringen.

Der eigentlichen Rezensionsgegenstand Itras By: Menagerie ist nun also die “Erweiterung”. Der Band besteht aus Beiträgen von zahlreichen internationalen und teilweise in der Indie-Szene nicht ganz unbekannten Fans von Itras By, illustriert von vielen verschiedenen Künstlern und Künstlerinnen. Zusammen bildet er ein Füllhorn neuer Spielmöglichkeiten, Inspiration aller Art für Menschen, denen beim besten Willen einmal nichts einfallen will und vieler Spiel- und Spielleitungshilfen. Der Inhalt ist in fünf Teile untergliedert.

Teil 1, Diorama, bietet eine Art bunte Kostprobe dessen, was einen in diesem Buch erwartet: es enthält Material, bunt gemischt, das man auch in jedem der Folgekapitel finden könnte - komplett neue Szenarien, neue Stadtviertel, genauere Betrachtung (oder Neubetrachtung) existierender Stadtbereiche, wie man bestimmte Themen im Spiel respektvoll verarbeitet und anregende Listen für neue Spielelemente. Teil 2, Laboratory, ist ein Experimentierlabor voller Ideen, wie man Itras By anders spielen oder “mehr herausholen” kann, entweder kostümiert, ohne Itras By selber, ohne Spielleitung, als Oneshot und so weiter. Teil 3, Dream Resumé, enthält Kreativitätswerkzeuge zum Erzeugen von Ideen für eigene Figuren sowie anregende Listen mit Personenkonzepten und Namen. Teil 4, Hall of Mirrors, enthält eigene Spiele und größere Szenarien und Teil 5, Post Scriptum, eine Mischung persönlicher Essays und Geschichten. Im Anhang finden sich alle möglichen Dinge zum Ausdrucken und Basteln (Karten, Bögen, Handouts).

Im Folgenden gehe ich auf jedes Kapitel noch einmal genauer ein, beleuchte dann die Aufmachung des Buches und gebe zuletzt ein abschließenden Fazit. Wer wenig Zeit hat, liest am Besten die obige Kurzübersicht und springt dann direkt zum Fazit.

Inhalte

Vorgeplänkel

Emily Care Boss (The Romance Trilogy) schrieb die Einleitung für das Buch, in der sie auch über eigene Erfahrungen mit Itras By berichtet. Danach erläutert Ole Peder Giæver (Ko-Autor von Itras By), wie man mit diesem Buch – sogar ganz ohne Itras By selbst zu haben – Itras By spielen kann und zieht dabei verschiedene Beispiele aus den Folgekapiteln als Verweise heran. Heraus kommt ganz nebenbei eine gute Übersicht dessen, was einen erwartet.

Teil 1: Diorama

Screenhot von Seite 19 aus Tobie Abads Imperia Manila

Hier definiert Tobie Abad (A Single Moment, Bad Timing) mit Imperia Manila einen neuen, magisch-realistischen Stadtbezirk für Itras By, der auf seiner Heimat, den Philippinen und deren Mythologie basiert. Zu jeder Unterregion gibt es auch auch einige Geschichtenideen, und zu guter Letzt eine kreative “Fluchtabelle”.

Cabybaras with Hats ist ein kurzer Geschichtenstarter von February Keeney über die titelgebenden Wasserschweine und einen bizarren Phantom-Buchclub. Matthijs Holter (Archipelago, Die Liebe in den Zeiten des Seiđr) und Jackson Tegu (u. a. Mosterhearts-Erweiterung Second Skins) schreiben ausführlich über die respektvolle Darstellung von Sexarbeit und Sex allgemein in Itras By, inklusive inspirierender Fragen, die den Ball ins Rollen bringen sowie beispielhafter Geschichtenideen und NPC-Gruppen.

Edward “Sabe” Jones (Blazing Rose) wirft einen Blick auf den “Dungeon” unter der Stadt, der regelmäßig von Sonntags-Abenteurern geplündert wird – aus der Sicht der empörten Ungeheuer.

Von Terje Nordlin und Ole Peder Giæver gibt es detailliertes Material zu den wilden Randgebieten, in denen wirklich alles möglich ist. Enthalten sind unter anderem Tipps, die Reisen dorthin Struktur und Zweck verleihen und eine Zufallstabelle für Bewohner der Zone.

Philipp Neitzel (Aventurischer Bote) spendiert uns eine spannende Ideensammlung dazu, wie man das Radio als Spielelement nutzen kann, mit einer Liste inspirierender Sendungen und Sender - z. B. einer, der durchgehend und ausschließlich über das Leben einer der Spielerfiguren berichtet.

Und Aura Belle (A Real Game, You must break up with your Werewolf Boyfriend) präsentiert ein alptraumhaftes Szenario, das die ganze Stadt zu blutrünstigen Mondvampiren macht.

Teil 2: Laboratory

Screenshot von Seite 74/75

Kat Jones (#Feminism: Glitzy Nails) schreibt über die Vorzüge des kostümierten Spiels, sowohl für Itras By am Tisch als auch, wenn man es als LARP spielen will. Es gibt bebilderte Tipps und Anregungen für Kostüme aus den verschiedenen Stadtbezirken sowie Hilfen zum Selbermachen, Nähen und Basteln.

Keith Stetson (Seco Creek Vigilance Committee) gibt uns ein Skript, wie man Itras By auch als Oneshot spielen kann, mit Tipps und Übersichten, die auch für Kampagnen als Spielereinführung mehr als brauchbar sind. Dazu gibt es Ideen für Hauptfiguren und deren Plotmagnete und Ziele fürs schnellere Reinkommen.

Steve Hickey (Soth) gibt Tipps, wie man Spielern die umfangreiche Spielwelt von Itras By nahebringt, ohne lange Monologe zu führen oder einfach alles aus dem Grundbuch vorzulesen.

Dann erklärt Ole Peder Giæver, wann (und wie!) es auch mal sinnvoll sein kann, im Spiel Nein zu sagen - statt der sonst üblichen, aus dem Impro-Theater übernommenen Devise, “Ja, aber”.

Jason Morningstar (Fiasko) schreibt, wie man Itras By ohne Itras By spielen kann, das heißt, wie man die Entscheidungs- und Zufallskarten auch in anderen Spielwelten und mit anderen Spielsystemen verwenden kann.

Becky Annison und Josh Fox (Lovecraftesque) erklären, wie sie Itras By ohne explizite Spielleitung spielen (und nennen es lieber “SL-voll” statt SL-los).

Screenhot von Seite 156

Teil 3: Dream Resumé

Keith Stetson und Clarissa Baut Stetson (Reconsolidation) geben uns ein einfaches Kreativwerkzeug an die Hand, mit dem man spielerisch Konzeptideen für seine Spielfigur finden kann. Willow Palecek präsentiert eine lange Liste vorgefertigter Mini-Figurenkonzepten, die man kreativ ausbauen kann. Ole Peder Giæver legt praktische Namenslisten für verschiedene Stadtviertel vor, während Niels Ladefoget Rasmussen eine ganze Reihe kurzer Figurenkonzepte inklusive Namen für jeden Zweck anbietet.

Teil 4: Hall of Mirrors

Banana Chan (Videoproduzentin für viele Indie-Rollenspielprojekte) hat ein Freeform-Spiel über das Innenleben der Zerrfratzen geschrieben, einer Gruppe von Außenseitern mit festgefrorenen grotesken Grimassen.

Kamil Wegrzynowicz (The Beast) legt eine Reihe von Auflockerungsübungen vor, mit denen man sich in Minispielen für den Surrealismus in Itras By vorbereiten kann, während Aleksandra Sontowska (seine The-Beast-Ko-Autorin) ein längeres Spiel vorstellt, mit dem wir das Schwarzenförde-Viertel von Itras By spielerisch mit Leben füllen können.

Abstract Machine (Deconstruction) bietet ein Szenario mit Sonderregeln, in dem die Spieler Mitglieder einer Rückholmission sind, die Wissenschaftler der Randgebiet-Forschungsstation Itras-Troll retten soll, welche unaussprechliche psychedelische Traumerlebnisse hatten und nun in Kryostase liegen. Die Spielatmosphäre erinnert an den nordischen Traumstil in Matthijs Holters Gesellschaft der Träumer (Society of Dreamers).

Evan Torner (Forscher zum deutschen Kino, #Feminism: Something to Drink with That, Sir?) hat Itras By komplett neu erdacht, und zwar in Form eines expressionistischen deutschen Films, wobei er Einflüsse aus diversen Filmen der 1920er Jahre (z. B. Das Cabinet des Dr. Caligari) verarbeitet. Vorgefertigte Figuren aus diesen Filmen werden in Startszenen miteinander konfrontiert und dann von den Spielern weiterentwickelt.

Zuletzt enthält dieses Kapitel ein ganz neues, umfangreiches Einführungsszenario für Itras By, das Oliver Vulliamy et. el. für die französischsprachige Ausgabe des Spiels erdacht haben. Es enthält besondere Hilfen für neue Spieler und dreht sich um das Schicksal eines verschwundenen Künstlers.

Teil 5: Post Scriptum

Martin Bull Gudmundsen (Ko-Autor von Itras By) schreibt in einem Essay darüber, welche Rolle das Rollenspiel und der Surrealismus, sowie Itras By im Besonderen in seinem Leben mit Autismus gespielt haben. Danach haben die beiden Ko-Autoren eine surreale Kurzgeschichte über einen Außenseiter in Itras By im Angebot, gefolgt von einer kurzen Übersicht, wie es zu Itras By: Menagerie überhaupt kam und wer alles beigetragen hat.

Anhang

Im Anhang findet sich ein wunderschön gestalteter Charakterbogen für Itras By, ausdruckfertige Versionen der Handouts aus dem Buchinneren (vor allem eine Kurzübersicht über die Stadtviertel), und eine Reihe neuer Zufalls- und Entscheidungskarten zum Ausdrucken und Basteln.

Gestaltung und Gebrauchstauglichkeit

Screenshot von Impressum und Inhaltsverzeichnis des Buchs

Ich habe das Buch in der PDF-Version an einem 10,1-Zoll-Tablet gelesen und bewertet. Die gedruckte Ausgabe ist im Layout allerdings gleich, soweit ich weiß.

Zunächst einmal zur Nutzbarkeit des PDFs. Es gibt verlinkte Lesezeichen und auch das Inhaltsverzeichnis ist anklickbar und führt automatisch zur entsprechenden Seite. Links zu Websites sind ebenfalls verlinkt. Noch schöner wäre eine klickbare Verlinkung der internen Seitenverweise im Buch, zum Beispiel wenn ein Artikel zu Figurenideen auf den mit den Namenslisten auf Seite XY verweist. Die Schriftgröße fand ich auf meinem Tablet angenehm lesbar, es war nie Zoomen notwendig.

Zum Design, Schriften und Layout: Die entsprechen größtenteils dem Vorgänger Itras by. Die auffälligste Änderung ist eine andere Grundfarbe, Blau statt Gelb. Die Wahl der Schriften gefällt mir außerordentlich gut, sie sind unaufdringlich und haben doch eigenen Charakter. Die Farbe der Überschriften ist ein helles Türkis, das hübsch aussieht, aber für die Accessibility vielleicht etwas mehr Farbkontrast zum weißen Hintergrund haben könnte. Ich persönlich hatte jedoch keine Schwiergkeiten mit ihrer Lesbarkeit.

Das Layout gefällt mir wieder, wie schon bei Itras By, sehr gut, ich finde Kathy Schad, die das Layoutkonzept erfunden hat, sollte viel öfter für ihre immer sehr gute Arbeit gelobt werden. Gezeichnete Dekoelemente und Illustrationen lockern den Text gut auf und sind sehr passend. Die Illustrationen stammen übrigens ebenfalls von vielen verschiedenen internationalen zeitgenössischen Zeichnerinnen und Zeichnern, ergänzt durch passende historische Illustrationen und Fotos aus den 20er Jahren.

Lektorat und Korrektur sind sehr gut, mir ist kein einziger Fehler aufgefallen. Leider gibt es nicht durchgehend Kapitelmarkierungen, die einem auf jeder Doppelseite am Rand anzeigen, in welchem Kapitel und Unterbereich man sich gerade befindet. Das Grundbuch hatte diese noch.

Fazit

Zum Konzept: ich finde ich es super, dass der Band Material von so vielen Beitragenden aus verschiedenen Ländern enthält, sowohl bei den Artikeln als auch bei den Illustrationen. Auch der Anteil nichtmännlicher Beitragender ist recht hoch im Vergleich zu vielen anderen Publikationen. Ein leichtes Ungleichgewicht herrscht natürlich noch immer, gerade bei den nichtwestlichen Kulturen, wo mir gerade mal Tobie Abad aus den Philippinen auffiel. Trotz der vielen verschiedenen Beitragendenwirkt der ganze Band wie aus einem Guss, was vor allem dadurch erreicht wird, dass in den einzelnen Artikeln immer wieder auf andere im selben Buch Bezug genommen wird. (Echt jetzt, wie haben sie das eigentlich gemacht? Die ganzen Querverweise waren sicher jede Menge Arbeit!)

Die optische Gestaltung gefällt mir richtig gut und die Texte lassen sich durch das gelungene Layout und die Schriftwahl sehr gut auch am Tablet lesen - zusammen mit der Bebilderung ist das Buch ein echter Augenschmaus! Die Gestaltung ist stark an den Grundband Itras By angelehnt, der ebenfalls schon super aussah.

Auch inhaltlich finde ich den Band sehr gut gelungen. Er ist vollgepackt mit nützlichen Tipps und Hilfsmitteln, die das Spiel erleichtern und anreichern, aber auf keinen Fall ein Muss darstellen, ohne die das Spiel nicht funktioniert.

Besonders gut gefiel mir unter anderem Keith Stetsons Artikel Running an Itras By One-Shot in Teil 1, der eigentlich dafür gedacht ist, eine abgeschlossene Geschichte in eine Einzelsitzung zu packen. Durch die Hilfsmittel und Übersichten eignet er sich aber auch sehr gut als allgemeine Heranführung ans Spiel. Als eine Art Schnellstarter geht er auch auf eine Sache ein, die ich bei Itras By (und anderen freiförmigen Spielen) besonders schwierig finde: sich aus dem Nichts ein Figurenkonzept auszudenken. Auch Artikel in Teil 3 arbeiten sich auf die ein oder andere Weise daran ab. A Method to Producing Ideas, ebenfalls von Keith, zusammen mit Clarissa Baut Stetson, hat eine Art Spielbrett mit wild darauf verteilten Zufallsbegriffen, die man durch verschiedene Methoden auswählen und zu Konzepten entwickeln kann. Willow Palecek und Niels Ladefoget Rasmussen machen es uns in Character Seeds und A Collection of Curious Characters noch einfacher; sie bietet uns eine lange Liste fertiger, aber sehr knapper Figurenideen mit genügend Raum für die eigene Ausarbeitung.

In Cartography of the Unreal von Steve Hickey dreht sich alles um die Stadt selbst, insbesondere, wie man sie den Spielern kompakt nahebringt. Da ist besonders die Kurzübersicht über die Stadtviertel ein gutes Hilfsmittel. Außerdem fand ich seine Tipps zum Erstellen eigener Orte innerhalb der Viertel nützlich, weil das etwas ist, was mir selbst oft schwerfällt. Auch schön fand ich, wie er das aus Dungeon World bekannte Konzept, Karten zu malen und dabei Lücken zu lassen, auf Itras By überträgt.

Bei Saying No von Ole Peder Giæver fand ich interessant, wie er Konzepte des Neinsagens integriert, um Dinge zu unterbinden, die man unpassend oder unangenehm findet. Dabei geht er auch auf die Anders, bitte-Phrase aus Matthijs Holters Schwesterspiel Archipelago ein, das mir besonders am Herzen liegt, und stellt eine sogenannte -Karte vor, die eine gewisse Ähnlichkeit mit der bekannten X-Karte (GoogleDoc) hat.

Insgesamt ist Itras By: Menagerie eine absolut lohnenswerte Investition, wenn man schon Itras By mag. Es ist als PDF oder gedrucktes Buch ab ca 15 $ erhältlich.

Abschließend möchte ich mich bei Vagrant Workshop und Ole Peder für das Rezensionsexemplar bedanken, das ich zu meiner Schande schon vor etwa einem Jahr erhielt und welches eigentlich für mein persönliches Rollenspielblog gedacht war, wo momentan aber eher weniger los ist. Ich denke, hier findet sie wahrscheinlich mehr interessierte Leser. Eine englische Version dieser Rezension wird ebenfalls noch auf unserem Blog erscheinen.

Bildnachweis

Coverillustration: Tina Trillitzsch, Zwischenbilder: Screenshots des Buches als PDF (Vagrant Workshop)

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