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Verbotene Liebe – Ein Spielbericht zu Star Crossed

Andrea Stadtfeld hat eine Vorschauversion angespielt und berichtet darüber.

1987 Wörter, ungefähre Lesedauer 10 Min.

Inhalt

>>>Titelbild für den Spielbericht 'Verbotene Liebe – Ein Spielbericht zu Star Crossed'<<<

Ein romantisches Erzählrollenspiel für zwei Personen, ohne Spielleiter, mit einem Jenga-Turm statt Würfeln? Als ich bei Twitter die ersten News über diesen Kickstarter las, dachte ich mir, dass es nischiger kaum noch geht. Nichtsdestotrotz war mein Interesse geweckt. Die Designerin Alex Roberts war mir als Podcast-Fan schon ein Begriff durch den Backstory-Podcast im OneShot RPG Network. Die 10 $ für die PDF-Version war es mir dann wert, da man dort auch direkt Zugriff zur Preview-Version erhalten hat. Diese habe ich dann ausgedruckt und im Urlaub mit meiner Ehefrau getestet.

Die Preview-Version ist recht übersichtlich, mit insgesamt 19 Seiten, von denen 1 Seite für die X-Karte draufgeht, eine Seite für die Charakterbögen, und 2 Seiten für Szenen-Karten. Mehr braucht es aber nicht, denn Star Crossed ist ein absolut regelleichtes Erzählrollenspiel, und ich kann vorab verraten, dass es uns absolut mitgerissen und begeistert hat.

Set-Up und Charaktererschaffung

In Star Crossed geht es um zwei Charaktere, die sich ineinander verliebt haben, die aber aus diversen Gründen dieser Liebe nicht nachgeben können, dürfen, sollten. Was genau man für ein Paar spielt, ist nur von der Fantasie der Spieler eingeschränkt. Als Beispiele werden in der Preview-Version eine Galaktische Imperatorin und ihr Berater genannt oder zwei Bros aus dem Fitness-Studio. Im wirklich sehr schönen Actual-Play-Podcast von One Shot RPG haben wir eine Wissenschaftlerin und ihren Alien-Erstkontakt. Nonne und Mönch, Gehirn-Parasit und Wirt, AI und Programmierer sind weitere Beispiele aus Podcasts. Möglich ist letztendlich alles, wichtig ist es, dass bei den Spielern der Funke überspringt, ein Paar für sich zu entdecken, welches man ausspielen möchte.

Star Crossed am Spieltisch

Meine Frau und ich haben hin und her diskutiert, bis dann der Vorschlag kam, den wir umgesetzt haben. Inspiration war der Leonardo-di-Caprio-Film Catch me if you can. Unsere Paarung war eine Trick-Betrügerin, die über Partnerbörsen im Internet seit den 90ern Leute ausgenommen hat, im großen internationalen Rahmen, und die Interpol-Agentin, die ihr schon seit Jahren auf der Spur ist.

Bei der Charaktererschaffung wird als erstes festgelegt, welcher Charakter der Lead ist, und welcher der Follow ist, quasi wie beim Tanzen. Der Lead ist derjenige, der aktiv und mit Absicht handelt, und jede Szene startet. Der Follow handelt zumeist unbewußt und darf die Szenen beenden. Dies darf aber nicht mit einer Art Ungleichgewicht verwechselt werden, der Lead hat keinesfalls das Sagen, ist aber erzählerisch derjenige, der proaktiv die Beziehung anfacht.

Bei uns war schnell klar, dass die Verbrecherin, gespielt von meiner Frau, aktiver sein würde, also war sie Lead und ich als Agentin Follow.

Danach erschafft man die Charaktere erzählerisch, und zwar gemeinsam, mit Hilfe von 5 Fragen, die auf dem Charakterbogen beantwortet werden:

Wer bin ich?

Was ist mein attraktivstes Merkmal?

Was sind zwei Dinge, von denen mir nicht bewusst ist, dass sie mich attraktiv machen?

Warum kann ich meinen Gefühlen nicht nachgehen?

Warum ist das für mich so wichtig?

Vier dieser Fragen beantwortet man selber, aber die Frage zu den zwei Dingen beantwortet der andere Spieler, indem man die Charakterbögen kurz tauscht. Da kommen wirklich coole Sachen bei raus, Ideen, die man selber vielleicht nicht gehabt hätte.

Eine Love Story in 8 Szenen

Sobald man Charaktere hat, die einen erfreuen, geht es dann los. Insgesamt gibt es 8 mögliche Szenen. Die Charaktere haben jeweils Moves, die sie einsetzen können, und bei denen größtenteils als Konsequenz ein Jenga-Stein gezogen werden muss. Das Spiel endet mit einem Epilog, wenn der Jenga-Turm einstürzt. Zu diesem Zeitpunkt geben die Charaktere ihren Gefühlen nach. Der Epilog legt fest, wie es letztendlich mit dem Paar ausgeht. Dies ist abhängig von der Anzahl der Jenga-Steine, die gezogen wurden, was man während des Spiels auf dem Charakterbogen dokumentiert.

Die Moves sind relativ übersichtlich. Man wechselt sich als Lead und Follow ab, und der Lead beginnt eine Szene immer. Man muss immer eine Handlung oder ein Element der Umgebung in der Szene beschreiben, nur reiner Dialog ist z. B. nicht möglich. Dadurch ist man schnell im erzählerischen Flow. Der Lead darf zusätzlich einmal pro Szene bewußt den anderen Charakter berühren oder ein persönliches Detail offenbaren. Nur einmal pro Spiel darf der Lead dies unbewusst tun. Genau andersrum sieht es beim Follow aus, dieser darf den Lead-Charakter nur unbewusst oder versehentlich berühren oder etwas Intimes verraten und nur einmal im Spiel mit Absicht. Bei jeder Berührung oder dem persönlichen Detail wird ein Jenga-Stein gezogen. Bei jedem Move dürfen die Charaktere auch miteinander sprechen, dabei muss aber der Jenga-Turm berührt werden. Das soll dazu führen, dass die Anspannung und die Anziehung der Charaktere gerade in fortgeschrittenen Szenen, in denen der Turm schon wacklig ist, ansteigt.

Der Spielbericht

Die erste Szene ist „An Introduction“ (Vorstellung). Wie bei jeder Szene bespricht man erstmal untereinander, wo die Szene stattfindet, man tut dies immer gemeinsam. Hier hat z. B. der Lead nicht das Sagen. Der Lead steigt als erstes in die Szene ein, das ist alles. In unserem Fall entschieden wir uns dafür, dass die Betrügerin sich nach 20 Jahren Schwindelei zur Ruhe setzen will und sich dafür eine Insel der Malediven ansieht. Die Agentin erhält eine Spur der lokalen Polizei. Und so treffen sie sich in einer Resort-Bar am letzten Abend der Suche der Agentin, nichtsahnend, und die Funken sprühen. Die Betrügerin flirtet heftig und macht dann auf ihrem Handy ein Selfie der Beiden. Mit Bedauern verabschiedet man sich.

Star Crossed am Spieltisch

Szene 2 ist „A little embarrassment“ (eine kleine Peinlichkeit). Wir wollten weiter auf den Malediven sein, also entschieden wir uns dafür, dass der Flug der Agentin verschoben wurde, aufgrund schwerer Monsun-Stürme. Da die Betrügerin auf Tinder sehr aktiv ist, checkt die Agentin Tinder und findet mit Entsetzen ihr Gesicht vom Selfie aus der Bar in einem gefakten Profil. Voller Wut stürmt sie zum Luxus-Bungalow der Betrügerin, die davon ausgegangen war, dass die Agentin bereits die Insel verlassen hatte. Nun war zu erklären, wie denn das Foto wohl dort hingelangt war. Es wurde weiter geflirtet, Handtücher angeboten, da die Agentin klatschnass vom Monsun war, aber ein gewisses Gefühl des Misstrauens, des Unbehagens hatte sich eingestellt.

In Szene 3 geht es um „Finding Common Ground“ (Gemeinsamkeit finden). Das haben wir nur sehr lose interpretiert. Der Sturm war vorbei, die Agentin reist ab, aber sie sitzt trotzdem am Flughafen in Male fest. Aufgrund der Verspätung darf sie in die First Class Lounge und wen trifft sie da? Dreimal dürft ihr raten. Das war der Common Ground für uns. Zu dem Zeitpunkt ist beiden klar, dass sie Jäger und Gejagte sind, und dass sie sich verliebt haben. Nach einem intensiven Gespräch schafft die Betrügerin abzuhauen, bevor die gehemmte Agentin die Polizei am Flughafen alarmieren kann.

Szene 4 heisst „Hard at Work“ (fleißig bei der Arbeit) und die Betrügerin war mittlerweile in Thailand aktiv. In Phuket hat sie ihr aktuelles Ziel, einen älteren Herren, in ein Hotel zu einem Treffen gelockt, um ihm das Geld aus der Tasche zu ziehen. Aber die Agentin war ihr auf der Spur und gesellte sich im Hotel zu den Beiden. Die Betrügerin schaffte es aber noch einmal zu fliehen, nachdem sie die Agentin umgehauen hatte.

Spätestens ab Szene 5 war unser Turm schon so wacklig, dass wir eigentlich jeden Moment davon ausgingen, dass die beiden sich aus Verzweiflung um den Hals fallen, aber es ging weiter.

Szene 5 ist „close, quiet and alone“ (vertraut, ruhig und einsam), Szene 6 „A disagreement becomes heated“ (eine Debatte wird hitzig), in Szene 7 geht es um „A difficult choice“ (schwere Entscheidung) und in der letzten Szene geht es um vielleicht den letzten Abschied.

Wir entschieden uns dafür, dass die Betrügerin letztendlich doch ins Netz gegangen ist und die beiden sich in einem Verhörraum der Polizei in Phuket wieder treffen. Die Agentin hatte die Möglichkeit bekommen, der Betrügerin einen Deal anzubieten, denn über die Jahre hatte sie sehr gute Beziehungen zu diversen Drogenringen aufgebaut. Fragt mich jetzt nicht nach der Logik, das war so eine spontane Idee, die wir als Spieler hatten. Die Verbrecherin nahm diesen Deal an und sagte zu, dass sie sich in den Ring einschmuggeln lassen würde.

Nach sechs Monaten trafen die Beiden sich in einem Hotelzimmer in Bangkok wieder und die Betrügerin wollte hinschmeißen, weil es zu hart und gefährlich war. Sie konnte überzeugt werden, weiterzumachen, aber erst nach einer anstrengenden Konfrontation der beiden.

In Szene 7 wollte die Betrügerin nach der Sprengung des Drogenrings mit der Agentin im Jacuzzi feiern. Die Agentin wollte aber nicht so recht glücklich sein, da ihre Vorgesetzten den Deal weiter laufen lassen wollten, was die Agentin sehr unglücklich gemacht hat. Schließlich gesellte sie sich aber doch dazu im Jacuzzi und die beiden kamen sich so nah wie noch nie.

Star Crossed am Spieltisch, der Turm ist gefallen!

Wir haben es dann tatsächlich zur letzten Szene geschafft, im HQ der Interpol in Lyon, wo die Verbrecherin einen Monat später in die Freiheit verabschiedet wurde. In der Tiefgarage, mit Tränen in den Augen, wollten die beiden sich voneinander verabschieden, denn selbst in Freiheit würde eine Beziehung mit der Agentin ein Karriereende bedeuten. Dann stürzte der Turm und die Dämme brachen, die dramatische Kuss-Szene, die wir uns verdient hatten. Wäre der Turm nicht umgefallen, hätte ich ihn selber umgeschubst, was ein legitimes Mittel ist, die Beziehung anzustoßen, wenn man meint, dass es der richtige Moment ist. Stürzt der Turm nämlich auch in der letzten Szene nicht, dann geben die Charaktere ihren Gefühlen nicht nach. Was natürlich auch eine Story-Möglichkeit ist.

Unser Epilog war dann auch das Traum-Happy-End, denn wir haben 23 Jenga-Steine gezogen. Ab 20+ ist einem die Welt egal, und man brauch nur noch einander zum Glück. Unsere beiden Damen haben sich vom nicht beschlagnahmten Geld der Betrügerin eine Finca auf Mallorca mit Ziegen gekauft, in den Bergen.

Möglicherweise haben wir etwas geschummelt, das lag aber an den Preview-Regeln. In den Actual-Plays, die wir uns angehört haben, werden zu Beginn, vor der ersten Szene, jeweils 3 Steine pro Charakter gezogen. Man startet also direkt etwas wackliger, etwas angespannter. In den Regeln wird dies aber gar nicht erwähnt. Wir hatten aus dem AP verstanden, dass 3 Steine insgesamt vorher gezogen werden, also wäre bei uns schon nach 20 Zügen Schluss gewesen. Das war aber immer noch der Epilog mit dem Happy End, also alles gut.

Fazit

Ich war schon lange nicht mehr so geflasht vom Rollenspiel. Spaß, Tragik, Drama, alles war dabei. Es war eine sehr intensive Erfahrung in ziemlich genau zwei Stunden Spielzeit. Ich kann mir aber beim besten Willen nicht vorstellen, das mit jedem zu spielen. Es müsste schon jemand sein, dem ich vertraue, denn es geht halt um verbotene Liebe. Deshalb finde ich es wichtig, dass die X-Karte direkt dabei ist, um bewusst Grenzen ziehen zu können.

Die Regeln sind wirklich einfach, und durch den Jenga-Turm herrscht ab Spielmitte durchweg Spannung.

Meine Frau und ich sind Internet-Urgesteine und haben uns vor vielen Jahren in einem MUSH, einem textbasierten Rollenspiel, kennengelernt. Letztendlich funktioniert Rollenspiel in einem MUSH sehr ähnlich. Man wählt eine Lokalität aus, je nach Setting, und erzählt abwechselnd in geschriebener Form, was passiert. Wir haben uns damals in einem Spiel kennengelernt, welches auf den Drachenreiter von Pern-Romanen von Anne McCaffrey basiert. Die Art des abwechselnden Erzählens fiel uns also recht leicht und hat uns deshalb auch schwer begeistert.

Wer jemanden hat, mit dem man sich solch eine Session vorstellen kann, dem möchte ich Star Crossed schwer empfehlen. Die digitale Edition soll bereits im Juni erscheinen, dass mag aber reine Kickstarter-Euphorie sein. Ich weiß auf jeden Fall, dass ich beim physischen Release mit eigenem Jenga-Turm und schönen Szene-Karten nochmal zuschlagen werde. Es ist ein Spiel, welches ich im Regal stehen haben möchte.


Hinweis der Redaktion: Star Crossed lässt sich übrigens auch online über Videochat spielen. Dafür hat Gerrit Reininghaus ein kleines Online-Spreadsheet-Template (Englisch) gebaut. Einfach eine Kopie des Dokuments machen und ihr könnt loslegen.

Das Template enthält auch die elektronische Umsetzung einer Variante von Dana Fried, die ohne Wackelturm auskommt (was auch interessant ist, wenn aus irgendwelchen Gründen ein Wackelturm für euch nicht gut funktioniert).


Bildnachweis

Coverbild gestaltet von Tina Trillitzsch, Fotos von Andrea Stadtfeld.

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